Elfriede Jelinek über “Dann bin ich ja ein Mörder”

Ich finde diesen Film großartig, vor allem weil er so sachlich ist. Man merkt, daß es der Film eines Wissenschaftlers ist. Ein Historiker, der es wissen will und auch sein eigenes Wissen dafür mitbringt, sonst könnte er die Ereignisse nicht einordnen. Ich glaube ja, gut über diese Zeit informiert zu sein, aber auch ich habe viel Neues gelernt. Ich kannte nicht das Ausmaß der Judenmorde noch in den letzten Kriegstagen. Es ist für diesen Historiker natürlich ein Glück, daß er Zeugen zur Verfügung hatte, die auch ausgesagt haben. Und daß ihm der Haupttäter  Rede und Antwort gestanden hat. In Rechnitz, dem sozusagen benachbarten Massaker, mit dem ich mich literarisch beschäftigt habe, gibt es keine Zeugen mehr, kein Täter ist je zur Rechenschaft gezogen worden, und nicht einmal die Gräber sind gefunden worden. Man kann keinen Grabstein setzen. In Deutsch-Schützen ist das anders, es gibt den Grabstein, und es ist das immense Verdienst Walter Manoscheks, das Ereignis so genau, sozusagen ohne Eifer und Zorn, dokumentiert zu haben, auch ohne die feuilletonistischen Mätzchen , die sonst Filme von Journalisten oft umgeben. Manoschek weiß, wie er zu fragen hat, und er befragt einen Täter, der sich, obwohl seine Tat, die Ermordung von mindestens einem völlig Hilflosen auf dem Todesmarsch nach Mauthausen, von Zeugen bestätigt wird, von mehreren Zeugen sogar, an nichts erinnern kann. Er wäre ja „ein Mörder, wenn das wahr wäre“. Einen entlarvenderen Satz habe ich selten in einer solchen oder ähnlichen Dokumentation gehört. Dieser Täter verkörpert buchstäblich das Verdrängen. Ich wußte auch nicht, daß er schon vor einem Jahr gestorben ist und der Prozeß daher nicht stattfinden kann (auf den ich schon die ganze Zeit gewartet hatte). Ganz nebenbei bringt Manoschek eine neue These für diese zehntausendfachen, scheinbar sinnlosen und unmotivierten Morde am Ende des Krieges ins Spiel. Er fragt, ob da vielleicht ein Haß wäre, ein Haß auf die eigene Niederlage, darauf, daß man die besten Jahre seines Lebens für diesen Krieg geopfert hatte, der nun verloren war, und jetzt haben (trotz aller grausamen Bemühungen) die andren gesiegt: die Juden, die Russen, die Alliierten. Die Todfeinde. Man konnte sie nicht besiegen. Das ist eine interessante These, über die ich nachdenke, was eine gute Dokumentation im äußersten Fall ja erreichen sollte (und nur selten erreicht). Aber natürlich wirkte auch die Propaganda fort, daß das alles Untermenschen wären, die es nicht verdienten zu leben. Diese Dinge (und das sind nur einige, die mir grade einfallen) sind, da eben nicht von einem routinierten Filmemacher dargestellt, plötzlich ganz neu, von der Seite eines Wissenden betrachtet, in aller Klarheit, ohne Naivität, sogar ohne Dämonisierung der Täter. Das ist eine große Kunst. Das ist bisher zu selten passiert, eben, wie gesagt, eine Darstellung ohne Eifer und ohne Zorn, von einem, der leidenschaftliche Teilnahme für die Opfer hat, ohne die Täter ahistorisch zu verteufeln und zu dämonisieren. Da versucht einer, der es weiß, trotzdem zu verstehen. Das ist sehr viel.

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Dann bin ich ja ein Mörder

Ein Film von Walter Manoschek

65 min, 2012

Am 29. März 1945 werden im burgenländischen Deutsch Schützen von drei SS-Männern etwa 60 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter erschossen. Einer der mutmaßlichen Mörder ist SS-Unterscharführer Adolf Storms, der für diese Tat niemals zur Rechenschaft gezogen wurde. 63 Jahre nach der Tat gelingt es Walter Manoschek ihn zu interviewen. In den Gesprächen mit Storms, mit tatbeteiligten HJ-Führern und Juden, die das Massaker überlebten, wird das Verbrechen rekonstruiert und Fragen nach dem Vergessen, dem Verdrängen und der  Verantwortung gestellt.

„Ich finde diesen Film großartig, vor allem weil er so sachlich ist… Manoschek weiß, wie er zu fragen hat, und er befragt einen Täter, der sich, obwohl seine Tat, die Ermordung von mindestens einem völlig Hilflosen auf dem Todesmarsch nach Mauthausen, von Zeugen bestätigt wird, von mehreren Zeugen sogar, an nichts erinnern kann… Diese Dinge sind, da eben nicht von einem routinierten Filmemacher dargestellt, plötzlich ganz neu, von der Seite eines Wissenden betrachtet, in aller Klarheit, ohne Naivität, sogar ohne Dämonisierung der Täter. Das ist eine große Kunst. Das ist bisher zu selten passiert, eben, wie gesagt, eine Darstellung ohne Eifer und ohne Zorn, von einem, der leidenschaftliche Teilnahme für die Opfer hat, ohne die Täter ahistorisch zu verteufeln und zu dämonisieren. Da versucht einer, der es weiß, trotzdem zu verstehen. Das ist sehr viel.“ (Elfriede Jelinek)

Trailer

Der Film „Dann bin ich ja ein Mörder“ wurde bei der Viennale 2012  uraufgeführt und mit dem Anerkennungspreis der Stadt Wien ausgezeichnet.

Der Film wurde am 10. November 2012 um 21.05 in ORF III ausgestrahlt.

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